Regionale Industrie

Kann die fortschrittliche Fertigungsindustrie die industrielle Landkarte Großbritanniens neu gestalten? Neue Bewertungen aus der wirtschaftsgeografischen Forschung

Basierend auf der wirtschaftsgeografischen Forschung zu fortschrittlicher Fertigung im Vereinigten Königreich durch Wissenschaftler der University of Southampton, der University of Cambridge u. a. werden die komplexen Beziehungen zwischen industrieller Agglomeration, Produktivität und regionalen Entwicklungspolitiken analysiert und die tatsächliche Rolle fortschrittlicher Fertigung bei der Wiederbelebung traditioneller Industriegebiete untersucht.

Kann die moderne Fertigung die britische Industrielandschaft umgestalten? Neue Erkenntnisse der Wirtschaftsgeographie

Die regionale Ungleichheit in Großbritannien besteht seit Langem, und alle aufeinanderfolgenden Regierungen haben die moderne Fertigung als zentrales Instrument zur Heilung der Wunden der Deindustrialisierung betrachtet. Eine von Forschenden der University of Southampton, der University of Cambridge und der Durham University gemeinsam durchgeführte wirtschaftsgeographische Studie zeigt jedoch, dass der Erholungspfad der modernen Fertigung weitaus komplexer ist als die einfache Logik von „Innovationszentren aufbauen und Unternehmen ansiedeln“.

Die zwei Gesichter der modernen Fertigung

Die Studie unterteilt die moderne Fertigung in zwei große Kategorien: die ingenieurorientierte und die wissenschaftsorientierte. Erstere umfasst Luft- und Raumfahrt, Automobilbau sowie Teile der Verteidigungsfertigung und stützt sich auf „synthetisches Wissen“ und Ingenieurserfahrung; letztere umfasst Pharmazie, Elektronik und Optik und stützt sich auf „analytisches Wissen“ und wissenschaftliche Durchbrüche.

Die Daten zeigen, dass sich diese beiden Branchen in den traditionellen Industrieregionen Großbritanniens grundlegend unterscheiden: Die ingenieurorientierte Fertigung expandiert in alten Industriegebieten wie Nordwestengland und den East Midlands weiter, während die wissenschaftsorientierte Fertigung nahezu vollständig zurückgeht. Diese Kluft bedeutet, dass die sogenannte „moderne Fertigung“ kein homogener Wachstumsmotor ist – unterschiedliche Wissensbasen bestimmen ihre geografische Verankerung und ihre politische Sensibilität. Wenn künftige Industriestrategien weiterhin pauschal auf „moderne Fertigung“ setzen, werden sie strukturelle Unterschiede nur schwer gezielt adressieren können.

Das Paradox der Agglomeration: Kleine Unternehmen profitieren weniger

Die traditionelle Agglomerationstheorie geht davon aus, dass die geografische Konzentration gleichartiger Unternehmen Wissens-Spillover fördert und Kosten senkt. Die Studie nutzt jedoch Daten auf Betriebsebene aus der britischen Annual Business Survey und konstruiert präzisere Indikatoren für räumliche Nähe. Das Ergebnis: In den meisten Branchen der modernen Fertigung wirkt sich räumliche Konzentration negativ auf die totale Faktorproduktivität kleiner Betriebe aus, während sie sich bei großen Betrieben positiv auswirkt.

Die Forschenden weisen darauf hin, dass große Unternehmen über eine höhere „Absorptionsfähigkeit“ verfügen, um lokale Wissens-Spillover in tatsächliche Produktivität umzuwandeln. Kleine Unternehmen hingegen sind eher den mit der Agglomeration verbundenen steigenden Bodenkosten und dem Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Für die Tausenden kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) der modernen Fertigung in Großbritannien kann ein bloßer „Umzug in den Cluster“ nicht automatisch Wachstumsdynamik erzeugen. Entscheidender ist, die interne Absorptionsfähigkeit durch Lieferketten-Kooperation, Qualifizierung und Forschungskooperationen zu stärken.

Diese Erkenntnis hat unmittelbare Bedeutung für die regionale Industriepolitik: Wenn die Regierung lediglich „Innovationszonen“ oder „Industriecluster“ schafft, ohne die technologische Absorptions- und Innovationsfähigkeit der KMU grundlegend zu verbessern, könnte erneut eine Situation von „Hardware-Boom, aber Software-Flaute“ entstehen.

Die Pandemie setzt die Resilienz der Politik auf die Probe

Die Studie weist ausdrücklich darauf hin, dass die COVID-19-Pandemie die moderne Fertigung höchst ungleich getroffen hat. Am stärksten betroffen waren ausgerechnet jene ingenieurorientierten Branchen – Luft- und Raumfahrt, Automobilbau – die zuvor in den traditionellen Industrieregionen am besten abgeschnitten hatten. Zugleich verändern die Handelskonflikte nach dem Brexit, die Dekarbonisierung und die beschleunigte Digitalisierung die Marktaussichten der Unternehmen.Das bedeutet, dass lokale Industriestrategien, die weiterhin an den „Gewinnern“ aus der Zeit vor der Pandemie festhalten, einem erheblichen Risiko der Pfadabhängigkeit ausgesetzt sind. Die Studie stellt fest, dass Innovations- und Catapult-Zentren zwar die Verbindung zwischen Unternehmen und universitärer Forschung verbessern, jedoch weiterhin deutliche Lücken bei der Kommerzialisierung von Innovationen und der Anwendung in Lieferketten bestehen – insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.

Vom „Auswählen von Gewinnern“ zum „Aufbau von Ökosystemen“

Die Studie empfiehlt abschließend, dass die Erholung des verarbeitenden Gewerbes eine stärker koordinierte lokale Strategie erfordert statt fragmentarischer Projektinterventionen. Dazu gehören: die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Regierung, Unternehmen und Universitäten auf regionaler Ebene; die Ausweitung von Umschulungsprogrammen; die Unterstützung von Unternehmensinvestitionen in neue Technologien und Qualifikationen; sowie die Etablierung kontinuierlicher Wissensaustauschmechanismen auf Lieferkettenebene.

Mit Blick auf die britische „Industriestrategie“ liefert diese Studie eine nüchterne Fußnote: Fortschrittliche Fertigung ist kein Allheilmittel; ihre regionalen Erholungseffekte hängen davon ab, ob die Politik an die tatsächliche lokale Kompetenzbasis anknüpfen kann. Das wahre „Rebalancing“ ist vielleicht nicht die große Erzählung, die ein Industriepark zu tragen vermag, sondern die allmähliche Anhäufung verbesserter Absorptionsfähigkeit in Zehntausenden von Unternehmen.

Nutzungshinweis · ukindustrywire

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Source links

  1. https://www.openaccessgovernment.org/economic-geography-manufacturing/88244Primary

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